Newsletter 01/2019

„Russland ist an Zusammenarbeit mit deutschen Unternehmen interessiert“

Alexander Schochin (57) repräsentiert als Präsident des Russischen Verbandes für Industrielle und Unternehmer (RSPP), dem Pendant des deutschen Bundesverbandes der Deutschen Industrie e.V. (BDI), die wichtigsten Vertreter der russischen Wirtschaft. Im Interview mit dem Deutsch-Russischen Rohstoff-Forum erklärt der frühere Wirtschaftsminister Russlands, mit welchen Maßnahmen die russische Regierung die Digitalisierung auf staatlicher Ebene fördert und wie wichtig für ihn die Zusammenarbeit mit deutschen Unternehmen ist. Gleichzeitig betont er, dass Ökologie und Umweltschutz inzwischen hohe Priorität für die russischen Wirtschaft genießen

Herr Shokhin, Sie sind Präsident des Russischen Verbands für Industrielle und Unternehmer (RSPP) und repräsentieren damit zahlreiche namhafte russische Unternehmen. Inwiefern gewinnt das Thema Digitalisierung innerhalb der russischen Wirtschaft zunehmend an Bedeutung?

Die Digitalisierung durchdringt aktiv alle Bereiche der russischen Wirtschaft. Infolgedessen hat sich bei uns der Begriff Industrie 4.0, der für eine neue Entwicklungsstufe der Automatisierung von Produktions- und Logistiknetzwerken steht, bereits etabliert. Mit jedem Jahr haben russische Unternehmen eine immer stärkere Präsenz auf dem internationalen Markt und die Zahl der Hightech-Unternehmen, die Best-in-Class-Produkte und -Dienstleistungen in ihrem Bereich anbieten, wächst. Immer mehr russische Firmen wählen den Weg der Transformation zu einem digitalen, intelligenten Unternehmen – also einem gut geführten, flexiblen und hocheffizientem Unternehmen, das Innovationen bei Produkten und Dienstleistungen mit dem Einsatz geeigneter digitaler Werkzeuge kombiniert, um die Umsetzung der entwickelten Strategie des Unternehmens sicherzustellen.

 In welchen Industriezweigen sehen Sie die größten Auswirkungen?

Eine der auffälligsten Veränderungen findet im Industrie- und Rohstoffbereich statt. Die vielversprechendsten Bereiche der digitalen Zusammenarbeit sind nicht nur der Maschinen- und Flugzeugbau, der Schiffbau, die Lebensmittel- und Konsumgüterindustrie, die Kommunikations- und Verkehrsinfrastruktur, sondern auch die Metallurgie, die Förderung von Kohlenwasserstoffen und der Bergbau. Um in der digitalen Welt wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen wir jetzt neue Technologien nicht nur beherrschen, sondern auch ihre Entstehung so früh wie möglich erkennen. Aus diesem Grund analysieren immer mehr russische Unternehmen globale technologische Trends, die es ermöglichen, die vielversprechendsten Informations- und Digitaltechnologien und ihre Anwendungsbereiche zu identifizieren und zu bewerten und den Grad der Unsicherheit bei der Entscheidungsfindung von Unternehmen zu verringern.

Und in welcher Hinsicht sehen Sie noch Luft nach oben?

Vor einem Jahr führte der RSPP unter den Teilnehmern der Russian Business Week eine Umfrage über den Grad der Digitalisierung von Unternehmen durch.  Fast 80 Prozent halten ihr Unternehmen für digital. Gleichzeitig versteht jedoch nur jeder fünfte Befragte (19%), dass Daten eine Schlüsselrolle bei der Digitalisierung spielen. Ein weiteres interessantes Ergebnis der Umfrage war, dass weite Teile der Kunden, die Dienstleistungen der größten russischen IT-Unternehmen wie beispielsweise Yandex oder  Kaspersky Lab in Anspruch nehmen, Probleme bei der Informationssicherheit sehen (38%) oder der Meinung sind, dass der IT-Sektor in Russland noch immer unterentwickelt ist (30%). Einen weiteren aufschlussreichen Wert lieferte das  Rostelekom, eines der führenden Telekommunikationsunternehmen des Landes: Es bewertete den Beitrag jedes Landes zur internationalen Entwicklung von Digitalisierungstrends. Länder mit hohem Rating haben das größte Potenzial, die breite Einführung von neuesten digitalen Technologien auf ihrem Gebiet zu gewährleisten. Russland belegt den 11. Platz in der globalen Bewertung der Entwicklung von Digitalisierungstrends. All dies zeigt, dass es trotz unserer Erfolge noch Verbesserungspotential gibt.

 Welche Initiativen wurden vonseiten der Regierung in der jüngsten Vergangenheit gestartet, um mithilfe der Digitalisierung die heimische Wirtschaft zu modernisieren?

Mit der Implementierung des nationalen Programms „Digitale Wirtschaft der Russischen Föderation“, an dem RSPP-Mitglieder aktiv teilnehmen, wurde eine Politik der Digitalisierung auf staatlicher Ebene eingeleitet. Mithilfe dieses nationalen Programm sollen die Infrastruktur verbessert und Regulierungsmöglichkeiten für den Übergang zu digitalen Grundlagen geschaffen werden. Deswegen sollen in den kommenden fünf Jahren 1,8 Billionen Rubel (knapp 24 Milliarden Euro) für die Digitalisierung der russischen Wirtschaft bereitgestellt werden.

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen für die russischen Vertreter des Rohstoffbereichs?

Die Modernisierung des Rohstoffsektors, einschließlich der Automatisierung von Geschäftsprozessen, wird es der russischen Wirtschaft insgesamt ermöglichen, ihren technologischen Rückstand zu reduzieren. Gleichzeitig ist es notwendig, ein günstiges regulatorisches Umfeld zu schaffen: den rechtlichen Rahmen der digitalen Wirtschaft und ein System der rechtlichen Regulierung von ihren Institutionen. Ferner benötigen wir noch größere öffentliche und private Investitionen in die Forschung und Entwicklung im Bereich der digitalen Industrietechnologien.

Ich möchte hinzufügen, dass spezialisierte Kompetenzen in den Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) zu den Schlüsselkompetenzen für die wirtschaftliche Entwicklung und das Wachstum der Arbeitsproduktivität gehören. In Russland machen die IKT-bezogenen Berufe nicht mehr als 2 Prozent der Gesamtzahl der Beschäftigten aus, und wir sollten uns bemühen, diesen Indikator deutlich zu erhöhen. Bereits 2022 werden rund 22 Prozent der neuen Arbeitsplätze in der Weltwirtschaft durch neue digitale Berufe besetzt sein. Severstal und die Novolipezk-Metallurgiewerke (NLMK) sind da gute hiesige Beispiele, da sie Möglichkeiten zur Umschulung von Mitarbeitern und zur digitalen Weiterbildung bieten. Digitale Kompetenzen werden auch Teil der neu geschaffenen und aktualisierten Berufsstandards sein, die vom Nationalen Rat für Berufsqualifikationen entwickelt werden, dessen Leiter ich bin. Digitale Kompetenzen werden künftig also umfänglich in das nationale russische Qualifikationssystem integriert.

Sie haben Severstal und die Novolipezk-Metallurgiewerke als Erfolgsbeispiele angesprochen. Gibt es weitere?

Generell kann man sagen, dass der Arbeit mit innovativen Technologien hierzulande viel Aufmerksamkeit geschenkt wird. Blockchain, Big Data, Machine Learning – dies sind natürlich einige Schlüsseltechnologien. Auf der Grundlage dieser Werkzeuge schaffen russische Industriegiganten bereits jetzt einzigartige Produkte, die in der Branche sehr gefragt sind. So überwacht das erste Pilotprojekt in Russland, das von einem Team von NLMK- und SAP-Fachleuten für die 3D-Positionierung von Personal in Echtzeit entwickelt wurde, alle Bewegungen von Mitarbeitern und Änderungen in den Betriebsmodi der Anlagen, verhindert Notfallsituationen und erhöht somit die Sicherheit des Personals unter gefährlichen Produktionsbedingungen. Zusätzlich schafft das Staatliche Industrie-Informationssystem, das langfristig zu einem „Digitalisierungsportal“ werden soll, neue Möglichkeiten der Digitalisierung von Förderverfahren. Dabei geht es nicht nur um das Informieren über bestehende Maßnahmen der Branchenförderungzu, sondern auch um die Möglichkeit, Dokumente für jede Förderungsform auf digitalem Weg einzureichen. Dies ist eine Standardpraxis, die, da sind wir uns sicher, bei ausländischen Unternehmen wegen der erhöhten Transparenz und Effektivität gefragt sein wird.

Im Allgemeinen – und in vielerlei Hinsicht ist es der Verdienst des Ministeriums für Industrie und Handel der Russischen Föderation – sind viele Förderungsinstrumente in der Industrie neutral in Bezug auf das Herkunftsland des Unternehmens, und stimulieren sowohl die Durchführung rein russischer Projekte als auch die Lokalisierung ausländischer Produktion.

Wie sehen Sie die Rolle Deutschlands in diesem Prozess?

Man sollte das Problem und das Potenzial der Digitalisierung nicht als nationale Herausforderung sehen, sondern als internationale. Internationale Erfahrungen bei der Nutzung digitaler Möglichkeiten sind sehr interessant und helfen unseren einheimischen Unternehmen, die besten Lösungen in kürzester Zeit umzusetzen. Jedes Land verfügt über Best Practices, und diese sollten gleichwertig geteilt werden. Zweifellos zählt Deutschland zu jenen Länder, deren Erfahrungen von großem Interesse für uns sind. Deshalb arbeiten wir im Rahmen der Deutsch-Russischen Initiative für Digitalisierung (German-Russian Initiative for Digitalization, GRID) aktiv an unserem gemeinsamen Ziel, das Ökosystem der globalen digitalen Wirtschaft und des globalen digitalen Raums durch den Transfer von Best Practices und den Austausch digitaler Erfahrungen zu gestalten. Mitglieder der Initiative sind SAP, Siemens, Bosch, Volkswagen Group Rus, Remondis, die Außenhandelskammer und der Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft, RSPP, Rostelecom, Skolkovo Foundation, Rostec, Zyfra, TMK Group, Sinara Group, Kaspersky Lab.

Was erwarten Sie sich von dieser Initiative?

Ein derartiger Erfahrungsaustausch zur Digitalisierung wird dazu beitragen, die Qualität der gemeinsam hergestellten Produkte weiter zu verbessern und ihren Marktanteil erhöhen. Durch die Zusammenarbeit können wir die Entwicklung innovativer Technologien in Russland beschleunigen, sodass Innovationen in der Produktion künftig schneller zum Einsatz kommen. Deshalb sehe ich GRID als ein wirksames Instrument zum gemeinsamen Austausch über von Best Practices im Bereich der Digitalisierung.

Inwiefern können deutsche Firmen dazu beitragen, Russland bei seinen Ambitionen zu unterstützen?

Russland ist nach wie vor stark an der Zusammenarbeit mit deutschen Unternehmen interessiert. Insbesondere wenn es um Technologien zur Steigerung der Arbeitsproduktivität, um die Modernisierung von Industrieanlagen oder die Einführung effizienter Prozesse entlang der gesamten Wertschöpfungskette geht. In diesem Zusammenhang gehört auch der Erfahrungsaustausch zwischen deutschen und russischen Behörden bei der Förderung von Innovation, Kompetenzentwicklung und dem Abbau administrativer Barrieren dazu.

Auf der anderen Seite braucht auch Deutschland geeignete Partner, wenn es sein Ziel erreichen möchte, die Produktivität durch Innovationen zu steigern und zu einem führenden Anbieter von integrierten Lösungen zu werden. Und russische Unternehmen mit ihren Technologien sehe ich durchaus als mögliche Partner. Es gibt gute Gründe zu glauben, dass es in Russland mehr fertige Lösungen gibt, und die Entwicklung und Pilotierung von Technologien qualitativ besser und günstiger ist.

Russland liegt laut „Environmental Performance Index 2018“ auf Platz 52 und zählt damit zu jenen Ländern mit einer „schlechten Leistung“ im Umweltschutz. Wie kann die Russische Regierung in Kooperation mit der Industrie und ausländischen Partnern perspektivisch den Umweltschutz stärken?

Ökologie und Umweltschutz genießen seit einiger Zeit deutlich höhere Priorität innerhalb der russischen Wirtschaft. Das hängt auch mit den neuen rechtlichen Rahmenbedingungen zusammen, die beispielsweise die Nutzung neuester Technologien regeln oder ein Quotensystem für schädliche Luftemissionen oder die Wasserentsorgung beinhalten. Perspektivisch sollen Unternehmen dazu gebracht werden, moderne Technologien zu nutzen, um schädliche Luftemissionen zu verringern und somit ihre Umweltparameter radikal zu verbessern.  Darüber hinaus ist die Umsetzung des Pariser Klimaabkommens zu erwähnen, das die Kohlendioxidemissionen in die Atmosphäre regelt. Dieser Faktor wird künftig in Russland – nicht zuletzta auch im Rohstoffsektor – viel stärker berücksichtigt werden

Digitalisierung vs. Sozialisierung:
Was macht den Unterschied?

Peter von Hartlieb ist Senior Consultant bei der Energieagentur NRW. Im Deutsch-Russischen Rohstoff-Forum engagiert er sich als Leiter der Arbeitsgruppe „Digitalisierung in der Rohstoffwirtschaft“.

Seit geraumer Zeit wird in Deutschland und Russland sowohl auf gesellschaftlicher Ebene als auch unter Experten die Frage diskutiert, ob die Digitalisierung Fluch oder Segen für die Unternehmen und deren Mitarbeiter ist. Vor dem Hintergrund, dass die sogenannte Industrie 4.0 auch für die Rohstoffwirtschaft in Deutschland und Russland zunehmend an Bedeutung gewinnt, befasst sich aufseiten des Deutsch-Russischen Rohstoff-Forums (DRRF) die Arbeitsgruppe Digitalisierung mit diesem Thema und lässt in die Bewertung unterschiedliche Positionen, Meinungen sowie die aktuelle Informationslage einfließen. Der folgende Beitrag spricht soziale und ethische Fragestellungen an, die sich im Zusammenhang mit der Digitalisierung ergeben können.

Das Internet der Dinge (IoT), die Robotik, die Biometrie, Virtual Reality, künstliche Intelligenz oder digitale Plattformen – dies sind einige der Technologien, die häufig in einem Atemzug mit der Digitalisierung genannt werden. Neben dem Fortschritt, der mit ihnen zweifellos auch für die Rohstoffwirtschaft verbunden ist, werden jedoch zunehmend auch kritische Fragen gestellt: Könnten unsere Privatsphäre, Autonomie, Sicherheit, Menschenwürde, Gerechtigkeit und das Machtgleichgewicht in Gefahr geraten? Um die digitale Berufswelt auch hinsichtlich sozialer und ethischer Aspekte erfolgreich zu gestalten, müssen die Interessengruppen ein klares Verständnis von den zur Verfügung stehenden Technologien haben und gleichzeitig ein Bewusstsein für den verantwortungsvollen Einsatz entwickeln.

In Deutschland ist man derzeit beispielsweise in den Bereichen Privatsphäre und Datenschutz gut aufgestellt und verfügt über entsprechende gesetzliche Rahmenbedingungen. Ob das gültige Gesetz in seiner momentanen Form auch künftig Bestand haben wird, bleibt dennoch abzuwarten. Denkt man jedoch in Zusammenhang mit der Digitalisierung an ethische Fragen wie Diskriminierung, Autonomie, Menschenwürde oder ungleiche Kräfteverhältnisse, stellt man fest, dass die staatliche Aufsicht bei weitem noch nicht so gut organisiert ist. Daraus ergeben sich eine Menge Potenzial für Überlegungen, Diskussionen und Abstimmungen. Es gilt also, eine Bewertung der global weiterwachsenden Digitalisierung im Bereich der Rohstoffwirtschaft in Gegenüberstellung sozialer Problematiken vorzunehmen.

Digitalisierung im Rohstoffsektor hinkt hinterher

Auch wenn automatische Systeme mit Prozesssteuerungen beispielsweise im nordrhein-westfälischen oder dem saarländischen Untertagebergbau mit zunehmender Geschwindigkeit entwickelt werden, bleibt festzuhalten, dass der Miningbereich gegenüber anderen Segmenten – beispielsweise der Automobilindustrie – durchaus hinterherhinkt. Dadurch fehlt es auch an flächendeckender Erfahrung mit möglichen Auswirkungen einer durchgängigen Digitalisierung in der Montan-Industrie. Die deutschen Moderatoren der DRRF-Arbeitsgruppe für Digitalisierung, Peter v. Hartlieb und Prof. Dr. Marian Paschke, haben es sich gemeinsamen mit der Staatlichen Bergbau-Universität Sankt Petersburg (Russland) zur Aufgabe gemacht, den Themenbereich weiterzuentwickeln.

Digitalisierung mit negativen Auswirkungen auf die Gesellschaft

Eine interessante Entwicklung, die zudem im Bericht des Weltwirtschaftsforums „Digitale Medien und Gesellschaft“ genannt wird, lautet: „Die Digitalisierung erhöht die Produktivität und die Flexibilität für Arbeitnehmer sowie Arbeitgeber und ermöglichst eine stärkere Integration von Beruf und Privatleben.“ An dieser Stelle stellt sich jedoch die Frage: Ist eine stärkere Integration von Beruf und Familie tatsächlich so vorteilhaft? Wie wirkt sich das Verwischen der Grenzen des Privat- und Berufslebens auf die Gesellschaft aus? Auch wenn damit möglicherweise die Leistung der Beschäftigten erhöht wird, so liegt innerhalb der Arbeitsgruppe die Vermutung nahe, dass die Auswirkungen auf das Familienleben und die Gesundheit eher negativ sein könnten.

Tatsächlich tendieren viele Menschen anscheinend dazu, sich nie wirklich von den digitalen Produktivitätswerkzeugen oder den digitalen Medien zu lösen. Guy Standing, der britische Ökonom und Autor des Buchs „The Precariat“, argumentiert, dass die Globalisierung alles „vermarktet“ und die Zahl der Menschen erhöht, die unsichere Formen der Arbeit verrichten. Während das Prekariat sich den vorgegebenen Arbeitsbedingungen unterwerfen muss, werden gleichzeitig Arbeitsplätze, die zu einem kurzfristigen Lebensstil führen, geschaffen, der damit verbunden sein kann, dass für die wenigsten Hoffnung auf eine Zukunft oder eine aufsteigende Karriere besteht. Als Beispiel führt Standing die Medien- oder Musikbranche auf, die die schrittweise Kommerzialisierung von Premium-Inhalten erlebt. Ein ähnlicher Effekt ist auch hinsichtlich der Arbeit und Beschäftigung zu erwarten. Der Autor ist der Ansicht, dass die Online-Konnektivität der ständigen Ablenkung für die Nutzer zu einer allgemeinen, kurzfristigen Lebensphilosophie führt. Betrachtet man also die sozialen Auswirkungen der Digitalisierung, so wird deutlich, dass sie mindestens so viel Einfluss hat wie die Erfindung der Währung oder sogar das geschriebene Wort.

Beim Ende Oktober 2018 durchgeführten Technology Forum in Zürich, an dem zahlreiche namhafte Wissenschaftler oder Manager renommierter Unternehmen teilnahmen, wurde auch deutlich, dass generell weit mehr auf dem Spiel steht als nur die Digitalisierung, das Internet der Dinge (IoT) oder Big Data. Es geht um mehr als nur technologische Innovation. Die Auswirkungen reichen im Gegenteil sehr viel weiter und beeinflussen weltweit die Wirtschaft, Politik und Gesellschaft.

Die Verbreitung von Sensoren und Hardware, die bei sinkenden Preisen immer leistungsfähiger werden, die stetig wachsende Konnektivität und die Speicherung unbegrenzter Datenmengen führen für sich genommen noch nicht zu einer digitalen Transformation. Sie sind lediglich die Voraussetzungen für die technische Umsetzung. Die digitale Transformation verändert aber bereits alle Bereiche, in denen es um Messung, Diagnose oder Steuerung geht.

Die wichtigste Frage bleibt jedoch, welche konkreten Vorteile diese Entwicklungen haben. Auch dieses Thema wurde bei unseren Konferenzen schon mehrfach ergebnisoffen intensiv andiskutiert.

Ziel des Internet der Dinge ist es, echte Probleme zu lösen und die Entwicklung und Implementierung neuer Lösungen voranzutreiben, selbst in Branchen, die bislang noch nicht stark digitalisiert waren wie der Bergbau, die Schifffahrt oder Landwirtschaft.

Die Digitalisierung wirkt sich im Mining auf jeden Fall auf den Wert von Produkten wie etwa Dumper oder Servicefahrzeuge aus. Der Wert eines Fahrzeugs spiegelt sich nicht mehr nur in seiner Hardware wider. Zunehmend wichtig wird die Software. Bei Kaufentscheidungen für elektrisch oder mit Brennstoffzellen betriebene Fahrzeuge spielt der Motor – traditionell der große Mittelpunkt von Technik und Innovation – keine bedeutende Rolle mehr. Die Leistung nimmt dagegen zu, wenn die Abmessungen von Fahrzeugen kompakter werden. Neue Geschäftsmodelle auf Basis von IoT werden inzwischen zunehmend diskutiert. „Pay per Ton oder Pay for Use“-Konzepte und vergleichbare Ansätze sind hier Optionen. Anstatt sich auf Produkte und verbundene Geräte zu konzentrieren, ist es in diesem Zusammenhang an der Zeit, über Systeme und verbundene Dienste nachzudenken. Viele dieser Dienste werden im Übrigen preiswerter oder zukünftig ganz kostenlos sein. Ein Beispiel sind bereits heute aus dem worldwide web herunterzuladende Softwaren oder Apps.

Dabei ist allen Beteiligten bewusst, dass fortschrittliche Technologien und die Fähigkeit zur globalen Kommunikation nicht das Bedürfnis nach sozialen Kontakten und dem persönlichen Miteinander ersetzen können. Nach wie vor werden Geschäftskontakte vor allem durch menschlich-körperliche Komponenten aufgebaut, als durch die alleinige Kommunikation über virtuelle Netzwerke. Mit altbekannten Ritualen wie dem Händeschütteln oder dem Blickkontakt wird Vertrauen gestärkt und bestenfalls Sympathie erzeugt. Die altbekannte Weisheit, wonach auch die Chemie untereinander stimmen muss, kann im Cyberspace nur bedingt nachvollzogen werden. Es gibt also gute Gründe dafür, auch die Gegentrends zur Digitalisierung (zur totalen Digitalisierung), zur Globalisierung und zur De-Globalisierung zu beobachten.

Eine wichtige Schlussfolgerung der publizierten Erkenntnisse aus einem ABB-Technologieforum, das Ende 2018 stattfand, lautete, dass Bildung, Wissenschaft und Forschung nach wie vor von zentraler Bedeutung sind, damit die Menschen auf der Welt von den Vorteilen der Globalisierung, Digitalisierung und technologischen Innovation profitieren können. Nicht zuletzt deshalb ist der Schirm, der durch die Beteiligung der Wissenschaft in den Arbeitskreisen des DRRF durch die Beteiligung der Staatlichen Bergbau-Universität Sankt Petersburg, des Lehrstuhls für Zivil-, Handels- und Seerecht der Universität Hamburg und die fachliche Begleitung der RWTH AMT (Institut für Advanced Mining Technology, Prof. Dr. Elisabeth Clausen und Dr. Thomas Bartnitzki) in Aachen sowie der TU Bergakademie Freiberg gespannt wird, elementar.

Um die Kommunikation untereinander voranzutreiben, bedarf es idealerweise einer gemeinsamen Kommunikationsplattform, beispielsweise in Form einer herstelleroffenen Software wie OPC UA. Das Protokoll kann eine M2M- Kommunikationsbrücke für Vorreiter wie VIST, Indurad, Marco, Siemens, Eickhoff, talpasolutions und weitere Unternehmen beider Seiten darstellen.

Auch für die Montanindustrie bringt die Digitalisierung unbestritten zahlreiche positive Aspekte mit, beispielsweise:

  • Die Möglichkeit der präventiven Wartung der Technik
  • ein Mehr an Sicherheit
  • bessere Logistik und betriebliche Mobilität
  • weniger Bedarf an dediziertem Arbeitsbereich,
  • messbar höhere Produktivität (auch durch neue Sensoren, Aktoren, Maschinen oder Werkzeuge)

Digitalisierung wirft viele Fragen auf

Diskussionen zum Thema Energie, Innovationen, Nachhaltigkeit laden uns vor dem Hintergrund der globalen Wärmeentwicklung und Ansätzen zur Energiewende zum Nachdenken ein – egal ob so rigoros kompromisslos wie in Deutschland oder als Hybridsystem.

Eine der größten Herausforderungen besteht auch künftig darin, die Welt mit Energie zu versorgen, damit alle Menschen Zugang zu erschwinglichem Strom haben. Da Menschen in vielen Regionen Zugang zur Welt wollen, benötigen sie Informationen. Gleichzeitig bestehen berechtigte Erwartungen in Bezug auf Umweltbelange und damit in Zusammenhang stehende Energieeffizienz. Wo sind welche Technologien angebracht, was passt zu einer bestimmten Gesellschaft? Auch die mit der Digitalisierung verbundenen gesellschaftlichen Nachteile sind in diesem Zusammenhang angesprochen. Verursacht die Zunahme von Verbundenheit und Transparenz nicht das Ende der Privatsphäre, den Verlust von Arbeitsplätzen und die Spaltung der Gesellschaft? Ist die Bildung als Basis auf allen Ebenen und ein Recht auf Energie durchsetzbar? Wie viele Jobs fallen durch die Automatisierung und Digitalisierung weg und wie viele entstehen neu? Sind die neuen Jobs besser dotiert? Gleicht dies die eventuell weggefallenen Beschäftigungseffekte aus? Profitiert nicht nur eine kleine globale Elite von der Digitalisierung? Führen Globalisierung und Digitalisierung wirklich zu Wohlstand? Und selbst wenn: Warum hat der zunehmende Wohlstand noch nicht zum Weltfrieden geführt?

Fazit

  • Die Digitalisierung und andere technische Innovationen im Bereich Energie werden auf jeden Fall eine zentrale Rolle bei der Verbesserung der Energieeffizienz auf der ganzen Welt und der Implementierung intelligenter Verteilungssysteme spielen.
  • Fortschrittliche Technologien und die Fähigkeit zur globalen Kommunikation ersetzen aber nicht das Bedürfnis nach sozialem Kontakt und Vertrauen, nach lokalen Werten. Warum? Da Vertrauen in kleinen, verwaltbaren Einheiten viel besser funktioniert als in anonymen Netzwerken. Es gibt also gute Gründe, auch den Gegentrend zur Globalisierung und De-Globalisierung zu beobachten.
  • Bildung, Wissenschaft und Forschung sind von zentraler Bedeutung, damit die Menschen auf der Welt von den Vorteilen der Globalisierung, Digitalisierung und technologischen Innovation profitieren können.
  • Die Nutzung synergetischer Vorteile ist von großer Bedeutung, damit die Menschen in Russland wie in Deutschland, in beiden Branchen, von den Vorteilen der technologischen Innovation im Rohstoffwesen profitieren können.
  • Jeder gemeinschaftliche Schritt von Mensch zu Mensch, von Mensch zu Maschine und bald von Maschine zu Maschine M2M ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Rekultivierung und Digitalisierung im Fokus

Deutsche Delegation im Dialog mit russischen Vertretern in Novokusnetzk

Die 26. Internationale Fachmesse für Bergbautechnologien „Ugol Rossii & Mining“ bot vom 4. bis 7. Juni 2019 im russischen Nowokusnezk (knapp 600.000 Einwohner) den Rahmen für Fachgespräche zu zwei wichtigen Themengebieten auf dem Sektor der Rohstoffwirtschaft. Bereits im Vorfeld signalisierten zahlreiche deutsche Unternehmensvertreter ihr Interesse an einem der bedeutendsten Branchentreffen in Russlands wichtigster Kohleregion, dem Kuzbass Becken. Erstmals gab es bei der Messe auch einen deutschen Gemeinschaftsstand. Das Deutsch-Russische Rohstoff-Forum nahm diese starke Präsenz zum Anlass und lud zum gemeinsamen deutsch-russischen Fachaustausch ein:  Im Rahmen von Arbeitsgruppen- und Podiumssitzungen standen die Themen „Rekultivierung, Ökologie und Beste Verfügbare Techniken im Bergbau“ sowie“Digitalisierung der Rohstoffindustrie“ im Fokus.

Sowohl die Digitalisierung als auch die Rekultivierung werden in der Branche als wichtige Zukunftsthemen gesehen – geht es doch auch und gerade in Russland darum, die negativen Folgen des Bergbaus für Mensch und Umwelt durch Innovationen spürbar zu reduzieren. Umso mehr sollte es nun um mögliche Kooperationen gehen.

„Auf beiden Themengebieten besteht auf deutscher Seite eine immense Expertise, von der man in Russland profitieren kann – und möchte“, sagte Prof. Dr. Marian Paschke, Mitglied des Lenkungskreises des Deutsch-Russischen Rohstoff-Forums und Leiter der AG Digitalisierung. „Es geht darum, ins Gespräch zu kommen und sich regelmäßig auszutauschen, sodass perspektivisch aus den Überlegungen realistische Ansätze entstehen und es im Rahmen von Projekten zu beiderseitigen Kooperationen kommt.“

Rekultivierung ein immer wichtiger werdendes Thema in Russland

 Ob Landstriche in Nordrhein-Westfalen, Sachsen oder Brandenburg – die Reihe deutscher Regionen, in denen sich frühere Berg- und Tagebaustätten in attraktive, kulturell genutzte Landschaften verwandelt haben, ist lang. Umso wertvoller sind die Erfahrungen und die gewonnene Expertise für vergleichbare Regionen in Russland, wo es zunehmend Bestrebungen gibt, vormalige Bergbaugebiete mithilfe von Rekultivierungsmaßnahmen wieder gesellschaftsfähig zu machen und die Biodiversität zu erhöhen. Zumal es in dem riesigen Land unzählige Flächen gibt, die derzeit nicht mehr nutzbar sind. Vor dem Hintergrund, dass russische Bergbaubetriebe seit Beginn des Jahres zudem eine integrierte Umweltgenehmigung auf Basis der „besten verfügbaren Techniken“ beantragen müssen und die Verordnung zahlreiche Nachrüstungsmaßnahmen – darunter auch im Bereich der Rekultivierung (Sanierung) – von Bergwerks- und Steinbruchbetreibern verlangt, ist die Expertise deutscher Unternehmen und der Wissenschaft umso mehr gefragt. Aus diesem Grund kam es auf Initiative des Deutsch-Russischen Rohstoff-Forums bereits 2017 zur Gründung einer Arbeitsgruppe mit Fokus auf die Rekultivierung von Bergbaufolgen.

Das Zusammenkommen am 5. Juni 2019 in Nowokusnezk war bereits das dritte seiner Art innerhalb eines halben Jahres. Bereits im Rahmen der Deutsch-Russischen Rohstoff-Konferenz im November 2018 in Potsdam sowie bei der im April 2019 stattgefundenen Messe „MiningWorld Russia“ in Moskau gab es organisierte Möglichkeiten zum Austausch. „In Deutschland existiert eine fast 30-jährige Erfahrung in der Bergbausanierung, weswegen wir weltweit nachgefragtes Know-how besitzen“, sagte Arbeitsgruppenleiter Prof. Dr. Carsten Drebenstedt, Professor für Berg- und Tagebau an der Technischen Universität Freiberg. „Der Umgang mit Themen wie Abfallbehandlung und Rekultivierung ändert sich derzeit in Russland, weswegen es auch vonseiten der Regierung verschiedene Maßnahmen gibt. Das Ziel unserer Arbeitsgruppe besteht deshalb darin, möglichst konkrete gemeinsame Projekte anzuschieben und die russische Seite von der deutschen Expertise profitieren zu lassen. Dazu benötigt es natürlich zuallererst Vertrauen. Nichtsdestotrotz wollen wir zügig vorankommen.“

Im Kreis des Runden Tisches in Nowokusnezk, der von Drebenstedt moderiert wurde, widmeten sich die Vertreter beider Nationen aktuellen Fragen der Bergbauindustrie und der Sanierung von Minen, Steinbrüchen und Deponien. Es wurden Best-Practice-Beispiele zur Halden- und Abfallbewirtschaftung gezeigt und Möglichkeiten sowie damit einhergehende Herausforderungen in der Rekultivierung von bergbaugeschädigten Landschaften diskutiert. „Im nächsten Schwerpunkt planen wir, uns mit der Wiederherstellung von Waldflächen in Bergbaugebieten und der Finanzierung von Rekultivierungsmaßnahmen zu beschäftigen, da uns von russischer Seite ein erheblicher Bedarf signalisiert wurde“, so Drebenstedt.

Der Austausch soll nun im September bei einem gemeinsamen Treffen in Leipzig sowie anschließend bei der 12. Deutsch-Russischen Rohstoff-Konferenz am 28./29. November in St. Petersburg fortgesetzt werden.

Gemeinsame Perspektiven der Digitalisierung in der Rohstoffwirtschaft werden ausgelotet

Unter der Überschrift „Digitalisierung im Bergbau – Perspektiven der deutsch-russischen Zusammenarbeit“ wandte man sich bereits am Tag zuvor, am 5. Juni 2019, einem weiteren aktuellen Branchenthema zu. Auf gemeinsame Einladung des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau e. V. (VDMA), dem mit rund 3.200 Mitgliedern größten Industrieverband Europas, dem Deutsch-Russischen Rohstoff-Forum sowie der EnergieAgentur.NRW kamen zahlreiche Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik zusammen, um gemeinsam Potenziale der Digitalisierung für den Bergbausektor zu eruieren. Nachdem in verschiedenen Impulsvorträgen wertvolle Einblicke geliefert wurden, kam es anschließend zu einer Diskussion unter Repräsentanten der Wirtschaft und Wissenschaft. Die Teilnehmer kamen darüber überein, dass der Aufbau eines Netzwerkes aus Unternehmen und Wissenschaft im Bereich der Digitalisierung der Rohstoffwirtschaft vorangebracht werden soll. Man einigte sich auf das langfristige Ziel der Realisierung eines Pilotprojekts im Tage- beziehungsweise Untertagebau.

Moderiert wurde das Programm von Peter von Hartlieb von der EnergieAgentur.NRW, sowie Sven Flasshoff, dem Geschäftsführer des Verbindungsbüros des VDMA in Russland. Er unterstrich die Bedeutung des regelmäßig stattfindenden Dialogs zwischen beiden Ländern: „Vor dem Hintergrund, dass man auf russischer Seite auch in Zukunft stark auf Kohleabbau setzt, gibt es nicht nur eine große Perspektive für den Bergbau, sondern damit einhergehende Chancen und Bestrebungen, digitale Technologien für sich zu nutzen.“ So könnten diese beispielsweise dazu beitragen, die Kostenstruktur positiv zu verändern und umweltschonender, variabler sowie effizienter zu arbeiten. Ein großes Thema sei zudem die Arbeitssicherheit, die mittlerweile auch in Russland an Bedeutung gewonnen hat. „Dank digitaler Systeme ist es beispielsweise möglich, in Echtzeit Daten zu sammeln und dadurch schnell auf mögliche Gefahren zu reagieren“, erklärte Flasshoff.

 

Beispielsweise könne die Digitalisierung Prozesse wie die Rauchgasreinigung optimieren und damit die Umwelteinwirkungen positiv beeinflussen. Mithilfe von Sensoren könnten auch mögliche Schäden an Fahrzeugen und der Abbautechnik erkannt und frühzeitige Reparaturmaßnahmen eingeleitet werden. Ein weiterer Pluspunkt – auch um Kostenstrukturen zu optimieren. „Insgesamt gibt es zahlreiche positive Aspekte, von denen die Wirtschaft, aber auch die Gesellschaft profitieren kann“, betonte Flasshoff, der persönlich ein sehr positives Fazit zog: „Es war ein sehr guter Austausch, der sehr erkenntnisreich und von einer überaus aktiven Teilnahme geprägt war.“

Der gemeinsame Dialog zur Digitalisierung in der Rohstoffwirtschaft wird ebenfalls im Rahmen der 12. Deutsch-Russischen Rohstoff-Konferenz am 28./29. November dieses Jahres in St. Petersburg fortgesetzt.